Klimarisiken managen: Wie Unternehmen dem Klimawandel proaktiv begegnen
Klimarisiken managen: Wie Unternehmen dem Klimawandel proaktiv begegnen
Der Klimawandel betrifft längst nicht mehr nur Ökosysteme, sondern auch Geschäftsmodelle. Extreme Wetterereignisse, neue Regulierungen und Marktveränderungen stellen Schweizer Unternehmen vor wachsende Herausforderungen. Wer Klimarisiken frühzeitig erkennt und in Strategien integriert, kann nicht nur Schäden reduzieren, sondern auch Chancen nutzen. Proaktives Handeln schafft langfristige Resilienz und Wettbewerbsvorteile.
Klimarisiken als wirtschaftliche Herausforderung für Unternehmen
Kosten, die aus dem Klimawandel resultieren, sind kein fernes Szenario, sondern betreffen Unternehmen bereits heute. Die im Juni diesen Jahres veröffentlichte Klimarisikoanalyse des Bundes zeigt, dass steigende Temperaturen, veränderte Niederschlagsmuster und Extremereignisse zentrale Handlungsfelder darstellen. Besonders betroffen sind kritische Infrastrukturen, Energieversorgung, Tourismus und Landwirtschaft. Der Global Risks Report des Weltwirtschaftsforums reiht Klimarisiken seit Jahren unter die grössten Bedrohungen für Wirtschaft und Gesellschaft ein, sowohl hinsichtlich Eintrittswahrscheinlichkeit als auch Schadenshöhe.
Dass sich diese Risiken materialisieren, zeigen aktuelle Ereignisse in der Schweiz: Der Felssturz in Blatten im Mai 2025 und die Unwetter im Tessin und Misox im Jahr 2024 verursachten erhebliche Schäden an Infrastruktur und lokalen Betrieben. In Deutschland beeinträchtigte der niedrige Rheinpegel zudem die Logistik grosser Industrieunternehmen — ein Beispiel dafür, wie stark Wetterextreme wirtschaftliche Abläufe stören können. Auch chronische Risiken wirken sich zunehmend auf Unternehmen aus: Hitzewellen mindern die Produktivität, beeinträchtigen die Gesundheit und erhöhen Betriebskosten. Klimarisiken sind damit untrennbar mit ökonomischen Risiken verknüpft.
Unterschiedliche Klimarisiken im Unternehmen erkennen
Anerkannte Rahmenwerke wie die Task Force on Climate-related Financial Disclosures (TCFD) unterscheiden zwischen zwei Risikotypen:
- Physische Risiken entstehen durch die direkten Folgen des Klimawandels — akute Ereignisse wie Stürme, Hochwasser oder Hitzewellen sowie langfristige Veränderungen wie steigende Durchschnittstemperaturen oder Wasserknappheit.
- Übergangsrisiken entstehen durch den Übergang zu einer CO₂-armen Wirtschaft. Dazu zählen strengere gesetzliche Vorgaben, steigende CO₂-Preise, veränderte Kundenpräferenzen, disruptive Technologien oder veränderte Marktbedingungen.
Für Unternehmen bedeutet dies: Risiken können sowohl plötzlich eintreten als auch schleichend entstehen und damit langfristig die Wettbewerbsfähigkeit beeinflussen.
Ein Praxisbeispiel
Eine Wohnbaugenossenschaft prüft zwei vergleichbare Bauparzellen in derselben Gemeinde. Beide weisen einen ähnlichen Preis, eine vergleichbare Ausnützungsziffer und eine ähnliche Marktperspektive auf. Gewählt wird die Parzelle in der Nähe eines Flusses. In der Detailplanung zeigt sich jedoch: Die Hochwasser- und Starkregenrisiken wurden unterschätzt. Zusätzliche Schutzbauten und Versicherungen verteuern das Projekt deutlich, und ein Restrisiko bleibt bestehen. Eine frühzeitige Klimarisikoanalyse hätte die Kosten transparent gemacht und alternative Standorte einbezogen. Gleichzeitig wird sichtbar: Die höher gelegene Parzelle bietet stabilere Betriebskosten und ein attraktives Nachhaltigkeitsprofil – ein Beispiel dafür, wie Klimarisikomanagement Fehlentscheide verhindert und Chancen im Portfolio sichtbar macht.
In fünf Schritten von der Klimarisikoanalyse zur Resilienz
Ein strukturierter Analyseprozess bildet die Grundlage für fundierte Entscheidungen:
- Screening: Identifikation potenziell relevanter Risiken — qualitativ oder quantitativ, je nach Anspruch.
- Analyse: Bewertung der Auswirkungen auf Vermögenswerte, Geschäftsmodell und Finanzlage.
- Horizonte: Betrachtung kurzfristiger (< 3 Jahre) und langfristiger (> 10 Jahre) Entwicklungen.
- Szenarien: Analyse unter verschiedenen Klimapfaden — von «Netto Null 2050» bis «Hot House World».
- Massnahmen: Ableitung von Präventionsstrategien (Eintrittswahrscheinlichkeit verringern) und Notfallplänen (Folgen abmildern).
Die Tiefe des Prozesses kann je nach Anforderungsprofil von einer pragmatischen, handlungsorientierten bis hin zu einer wissenschaftlich fundierten Analyse reichen.
Klimarisiken steuern: Strategien für wirksames Risikomanagement im Unternehmen
Viele Unternehmen unterschätzen die wirtschaftlichen Auswirkungen des Klimawandels noch immer. Studien zeigen, dass Risiken branchenübergreifend oft geringer eingeschätzt werden, als sie tatsächlich sind. Genau deshalb gewinnt eine systematische Auseinandersetzung an Bedeutung. Anstatt abzuwarten, sollten Unternehmen Klimarisiken aktiv in ihre Steuerung aufnehmen. Der erste Schritt besteht darin, Klimarisiken ins bestehende Risikomanagement und in interne Kontrollsysteme zu integrieren.
Gleichzeitig gilt es, regulatorische Entwicklungen wie die Verordnung über die Berichterstattung zu Klimabelangen, die CSRD, die FINMA-Anforderungen zu Klimarisiken oder branchenspezifische Berichtspflichten im Auge zu behalten. Unternehmen, die frühzeitig handeln, sichern sich nicht nur Compliance, sondern auch strategische Spielräume für Innovation, Finanzierung und Marktpositionierung.
Wandel als Chance: Neue Geschäftsfelder und Innovation durch Nachhaltigkeit
Wer Klimarisiken systematisch analysiert, erkennt nicht nur Bedrohungen, sondern auch neue Geschäftsfelder. Energieeffizienz, Kreislaufwirtschaft und klimafreundliche Produkte senken Emissionen und Kosten zugleich.
Zahlreiche Branchen reagieren bereits: Versicherungen entwickeln Policen gegen Extremwetter, Bauunternehmen setzen auf Recyclingbeton, Energieversorger investieren in Wasserstoff und Photovoltaik. Unternehmen mit klarer Klimastrategie stärken ihre Reputation, binden Kundinnen und Kunden und gewinnen Fachkräfte.
Klimarisikomanagement wird damit zum Wettbewerbsvorteil und geht weit über reine Risikominimierung hinaus.
Quelle: TCFD Good Practice Handbook
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